Am Abend

Der Aachener Zeitungsverlag hat heute seine Antwort auf das Internet vorgestellt: Das neue digitale Magazin „Am Abend“. Nachdem ich den Websites von Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten schon seit längerem den Rücken zugekehrt habe, war es Zeit, einen Blick auf diese neue App zu werfen.


Unter dem strengen Blick des Chefredakteurs Bernd Mathieu begann ich mit dem Editorial. Und fühlte mich sofort beobachtet: Konnte nun etwa mein ehemaliger Journalistik-Professor sehen, dass ich den Samstag bis jetzt iPad lesend im Bett verbracht hatte? Vielleicht hätte ich mich etwas wohler gefühlt, wenn Herr Mathieu ein paar Sätze zum Einstieg gesagt und dann friedlich auf seinem iPad weitergelesen hätte.

Was kann das Magazin?

Wirklich abgeschreckt hat mich der etwas holprige Einstieg allerdings nicht: Die Typografie des Magazins ist angenehm lesbar, das Design schlicht und ansprechend. Außerdem hält sich die App im großen und ganzen an die auf mobilen Geräten etablierten Bedienungsmuster. Der geneigte Tablet-Benutzer sollte keine großen Probleme bei der Navigation haben. Das klingt erst einmal nach einem guten Ausgangspunkt für ein digitales Magazin.

Die Texte sind außerdem gut strukturiert und angereichert mit Bildern, Audiohintergründen und Videoclips. Hierbei wurde die Mischung aus Text und Multimedia für meinen Geschmack gut getroffen. Die aktuell verfügbare Testausgabe wirkt auf mich wie aus einem Guss, kein zusätzlicher Inhalt wirkt wie ein Lückenfüller.

Auch inhaltlich ist für jeden etwas dabei: Natürlich beginnt die Zeitung mit dem aktuellen „Brennpunkt“, der Fußball-Weltmeisterschaft. Und doch schafft es der Artikel über die Torlinientechnik aus Würselen, mich als Sportmuffel zum Weiterlesen zu bringen. Es folgen Artikel zu aktuellen Geschehnissen in der Region, technischen Entwicklungen und Aachener Geschichte. Die beiden Porträts und das Video im Kalender „Was steht an?“ geben der Ausgabe einen persönlichen Touch. Beim „Rückspiegel“ hat der Leser außerdem die Möglichkeit, ein eigenes Foto an die Redaktion zu senden, welches dann eventuell in einer künftigen Ausgabe veröffentlicht wird.

Nun aber genug der Lobhudelei:

Was könnte verbessert werden?

Mich als Techniker interessiert natürlich zuerst: Welches System steckt hinter der App? Nach wenigen Tests ist klar: Die App wird über ein Publishing-System von Adobe mit Inhalten gefüttert. Ich kann nachvollziehen, dass auf ein etabliertes System zurückgegriffen wird, das bereits fertig entwickelt ist. Gleichzeitig erbt die App dadurch zwei wesentliche Schwächen des Systems:

  • Die gesamten Inhalte sind als Bilder in der App. Das bedeutet neben größerer Downloads auch: Text kann nicht markiert, kopiert oder zitiert werden. Gefällt mir nicht.
  • Beim Klick auf interaktive Elemente bekommt man keinerlei Feedback, was die App relativ statisch wirken lässt.

Außerdem verhalten sich die Fingergesten mitunter sehr seltsam. Die Pinch-Geste zum Vergrößern eines Videos funktioniert nur mit Glück. Die Swipe- und Scroll-Gesten werden manchmal für die falschen Boxen erkannt: Ich möchte in einer Textbox rechts nach unten, stattdessen versucht die App, die gesamte Seite zu scrollen, was fehlschlägt. Dadurch ist mitunter auch nicht klar, ob der Artikel schon fertig ist oder ob weiter unten noch etwas kommt. Umso ungünstiger, wenn ein Pfeil nach unten dargestellt wird, wo es eigentlich keine Inhalte mehr gibt („Was sonst noch wichtig ist“).

Ebenfalls irritierend fand ich, dass auf der Titelseite Teaser auftauchen, die im Magazin nirgends aufgegriffen werden – oder habe ich etwas übersehen? Siehe vorheriger Absatz. Gleichzeitig werden diejenigen Artikel, die im Magazin auftauchen, auf der Titelseite nicht verlinkt. Warum?

Die Medieninhalte machten im großen und ganzen einen für die AZ/AN (bzw. center.tv?) sehr positiven Eindruck. Einige Kleinigkeiten haben mich allerdings irritiert:

  • Beim Video zu GoalControl würde ich mir DeInterlacing wünschen, diese Streifen bei Bewegungen haben auf dem iPad nichts zu suchen.
  • Das Gewitter-Audio reißt leider so abrupt ab, dass die ganze vorher aufgebaute Stimmung mit einem Schlag zunichte gemacht wird. Ein FadeOut und/oder ein Loop wären hier wünschenswert.
  • Das Interview mit Howe Gelb raubte mir aufgrund der nachgeschobenen Übersetzung den letzten Nerv. Bei englischsprachigen Videos würde ich eher auf Untertitelung zurückgreifen. Aber bitte nicht ins Video gerendert, sondern abschaltbar. Das funktioniert ja mittlerweile ziemlich gut auf mobilen Geräten. Ach ja, und bevor darüber nachgedacht wird: Keine Synchron-Übersetzung, bitte!

Übrig bleiben ein paar Kleinigkeiten, die ich hier dennoch erwähnen will:

  • Im Sinne der Eigenwerbung sollten die Links im Impressum auch verlinkt sein.
  • Die persönliche Anrede in der Du-Form gefällt mir sehr gut. Es wäre noch besser, wenn ich in der Registrierungsmail nicht plötzlich gesiezt werden würde.
  • Eine zeitliche Einordnung der Artikel wäre an einigen Stellen sinnvoll. Insbesondere beim Artikel „Ende einer Irrfahrt“ hätte ich mir ein Datum gewünscht – und das auch, wenn es gestern passiert wäre.

Und was ist mit Android?

Die Android-App lässt momentan noch auf sich warten:


Aus Entwicklerperspektive kann ich die Qualen der Android-Entwicklung – insbesondere die ausführlichen Tests – sehr gut nachvollziehen. Vermutlich hätte eine spätere Veröffentlichung die Testausgabe noch unaktueller gemacht, insofern kann ich die Entscheidung, mit iOS zu starten, gut nachvollziehen. Hoffen wir, dass die Android-App rechtzeitig vor dem „echten“ Launch fertig wird.

Fazit

Sehr gespannt bin ich darauf, ob sich das inhaltliche Niveau bei einer (werk)täglichen Veröffentlichung halten lässt. Ich vermute, dass es eine Weile dauern wird, bis das Redaktionsteam regelmäßig mit Audio und Video angereicherte Beiträge in dieser Qualität abliefern kann. Nichts desto trotz werde ich das Projekt weiter mit Interesse verfolgen und überaus gerne meinen finanziellen Beitrag dazu leisten. Und gleichzeitig hoffen, dass die geplanten Werbeanzeigen mich nicht durch ihr hässliches oder penetrantes Äußeres vom Kauf abschrecken.

Am Abend kostenlos testen bis 31. August.

Kommentare

Marc Heckert

Lieber Simon,

herzlichen Dank im Namen des Am-Abend-Teams für dein ausführliches und konstruktives Feedback! Ich möchte gerne (als Mitglied der Onlineredaktion von AZ und AN) auf einige deiner Punkte eingehen und erklären, warum wir Am Abend so gestaltet haben, wie es derzeit aussieht.

- Das Adobe-System haben wir gewählt, weil es weltweit im Einsatz ist (etwa bei WIRED) und jede Menge gestalterische und interaktive Flexibilität bietet. Mit ihm lassen sich Inhalte aus dem Print-Redaktionssystem direkt für die App aufbereiten.

- Dass sich Inhalte nicht markieren lassen, ist richtig. Wir haben uns dennoch für diese Lösung entschieden, insbesondere weil mit diesem System einzelne Inhalte sehr gut auf Facebook und Twitter geteilt werden können. Sie werden dann auch im Web im Originallayout angezeigt. Dies hielten wir angesichts der Bedeutung von Social Media für wichtiger.

- Zur Gestensteuerung: Deine Kritik ist berechtigt. Die App ist noch in der Anlaufphase. Wir bitten um Verständnis, wenn es an der einen oder anderen Stelle noch etwas knirscht. Zum offiziellen Start soll natürlich alles glatt und geschmeidig laufen…

- Die Verlinkung der Teaser auf der Titelseite wird bei uns im Team noch diskutiert. Das Springen tief in die Ausgabenstruktur verwirrt nach unserer Ansicht die Erstleser – für geübte Nutzer ist das dagegen natürlich praktisch. Für welche Lösung wir uns am Ende entscheiden, ist noch offen.

- Ach ja: Die App ist ein 100prozentiges Produkt von AZ und AN. Auch die Videos stammen allesamt vom Videoteam unserer Onlineredaktion. Center.TV hat damit nichts zu tun.

- Deinen Hinweis mit dem Fade-Out bei Video-Tonspuren greifen wir gerne auf. Danke!

- Da hast du natürlich recht, wir korrigieren das. Die Links im Impressum sind mittlerweile klickbar. Das wird ab morgen auch in der Beispielsausgabe verändert.

- …und in der Registrierungsmail sind wir soeben auch zum freundlichen “Du” übergegangen.

- Zuletzt: Die Datumsfrage dürfte sich im täglichen Betrieb erübrigen. Jede Ausgabe von Am Abend bezieht sich auf den aktuellen Tag in der Region. In unserer Demonstrations-Ausgabe ist das naturgemäß nicht ganz so deutlich zu erkennen.

Wir würden uns über weitere kritische (und hoffentlich positive) Begleitung des Projekts durch dich freuen. Unser Team ist hochgradig gespannt, wie Am Abend bei den Lesern ankommt.

Beste Grüße aus der Dresdener Straße,

Marc Heckert
AZ/AN-Onlineredaktion

Simon Praetorius

Danke für die Rückmeldung. Ich bin gespannt, wie ihr das Projekt und insbesondere die App noch weiterentwickelt und freue mich auf die ersten „echten“ Ausgaben.

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