Griechenland

In den letzten Tagen und Wochen hat mein Nachrichtenkonsum stetig abgenommen. Ich lebe in meiner Twitter-Filterbubble wie ein Bürger zur Biedermeierzeit, in der man sich aus der Politik möglichst herausgehalten hat. Das ist untypisch für mich: Ich war einmal ein Nachrichtenjunkie, der den Sonntagabend der Landtagswahl des Saarlandes vor dem Fernseher verbracht hat. Der gerne Nachrichten aus verschiedenen Quellen bezog, um sich ein ausgewogenes Bild der Situation zu machen. Und der sich Pressekonferenzen gerne mal in voller Länge und im Originalton gab.

Ja, auch mich hat die Politikverdrossenheit erwischt. Es ist zwar nicht so weit gekommen, dass ich nicht mehr zur Wahl gehen würde, aber was ich wählen sollte, wüsste ich nicht.

Meine Frustration zeigt sich auch beim Thema Griechenland. Dass die BILD gerne mal gegen das Fremde Unbekannte hetzt kennen wir ja mittlerweile. Dass sie damit nicht unwesentliche Teile der Bevölkerung erreicht dürfte bei der Auflage auch klar sein. Neu ist allerdings, dass sowohl andere Medien als auch die Politik diese Klischees hemmungslos mittragen. Es scheint mittlerweile Mode zu sein, gelegentlich nach rechts abzudriften, um die frustrierten Wähler bei der Stange zu halten.

Ich bin beileibe kein Experte für die Griechenland-Thematik, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass da gerade ein schwerer Fehler begangen wird. Auf der einen Seite steht Deutschland, ein Land, das zwei Weltkriege verursacht hat und danach von den USA und vielen europäischen Staaten über alle Maße unterstützt wurde. Auf der anderen Seite Griechenland, das in den letzten Jahren mit Sicherheit Fehler gemacht hat, aber im Vergleich zu Nazi-Deutschland der ultimative Musterschüler war und ist.

Es geht hier nicht um den Einzelfall Griechenland, es geht um die Europäische Gemeinschaft. Um ein Erfolgsprojekt, dass uns jahrzehntelang Frieden, offene Grenzen und kulturellen Austausch gebracht hat. Wer sind wir, dass wir einem Land in unserer Gemeinschaft die dringend benötigte Hilfe verwehren? Sind wir noch eine Demokratie, die sich für die Schwächsten einsetzt, oder hat uns der Turbokapitalismus mittlerweile komplett überrollt? Warum sollten wir Griechenland helfen? Weil wir es können.

Ich frage mich, wie Ostdeutschland heute aussehen würde, wenn Helmut Kohl so gedacht hätte wie die heutige Bundesregierung. Die Antwort will ich mir nicht ausmalen.

Vor einem Monat habe ich mir ein Testabo der Le Monde diplomatique bestellt. Weg von der hektischen Tagespolitik, hin zu den großen Themen. Zu Kontinenten statt Ländern, Gesellschaften statt Politikern, Debatten statt Ultimaten. Vielleicht hilft’s ja. Vermutlich nicht.

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