Musikstreaming in Deutschland

Nach dem Deutschland-Start von Rdio und dem vorläufigen Ende von Grooveshark sind Streaming-Dienste wieder in aller Munde. Anstatt Musik bei iTunes oder Amazon zu kaufen, erwirbt man durch einen monatlichen Betrag die Lizenz, alle im Katalog des Anbieters vorhandenen Musiktitel zu hören – gegen Aufpreis auch auf mobilen Geräten. Dabei wird die Musik häufig gestreamt, liegt also nicht als Datei auf dem Endgerät vor.

In Deutschland gibt es mittlerweile verschiedene Musikstreaming-Dienste:

  • Simfy ist ein deutsches Startup, gegründet 2009. Seit der Fusion mit Steereo im Oktober 2010 war Simfy für mehrere Monate der Streamingdienst in Deutschland.
  • Mit Rdio kam am 12. Januar ein neuer Player auf den deutschen Markt. Das Unternehmen wurde 2010 unter anderem von den Entwicklern von Skype gegründet und war seitdem hauptsächlich in den USA verfügbar.
  • Napster bietet ebenfalls seit mehreren Jahren eine Musik-Flatrate in Deutschland an.
  • Wenn auch kein klassischer Streaming-Dienst: Apples iTunes Match ist seit Ende 2011 in Deutschland verfügbar. Hier wird bereits gekaufte Musik mit dem iTunes-Katalog abgeglichen und anschließend zum ReDownload bzw. als Stream angeboten. Ähnliche Ansätze verfolgen auch Amazon und Google, allerdings ohne den Matching-Ansatz.
  • … und bestimmt noch mehr.

Leider (noch) nicht in Deutschland verfügbar ist der bekannte schwedische Dienst Spotify.

Vergleich Simfy – Rdio

Seit Juli 2011 bin ich PremiumPLUS-Kunde bei Simfy, bis ich vor einigen Tagen zu Rdio wechselte. Insofern ist es naheliegend, diese beiden Dienste zu vergleichen.

Musikauswahl

Die schwierigste Frage zuerst: Welcher Dienst hat die bessere Musik? Denn darauf kommt es schließlich an, oder nicht? Die Antwort: Ein klares kommt drauf an. Ich persönlich würde das Musikangebot der beiden Dienste als vergleichbar gut beschreiben. Bei beiden Diensten gibt es Musik, die es beim jeweils anderen nicht gibt. In meinem Fall „fehlten“ beim Umzug von Simfy zu Rdio einige Alben, ich fand allerdings auch einige Titel, die bei Simfy gar nicht auftauchten. Bei Simfy wurde ich mitunter auch von Mixtapes überflutet, während der Originaltitel nicht im Programm war.

Zahlenmäßig sieht es etwas anders aus: Beim Start der Simfy-App wird aktuell die Anzahl der verfügbaren Einzeltitel mit 16,1 Millionen angegeben. Die Rdio-Pressemitteilung zum Deutschland-Start gibt „über 12 Millionen Songs“ an. Das sind saftige 4 Millionen Titel weniger. Das heißt aber auch nicht unbedingt, dass Simfy die 12 Millionen Rdio-Titel vollständig im Programm hat. Damit wäre ich wieder bei meiner ersten Aussage: Kommt drauf an. Auf den Musikgeschmack.

Beide Dienste bauen ihr Musikangebot kontinuierlich aus. Rdio bietet beispielsweise ein Google Docs-Formular, in dem Musikwünsche hinterlegt werden können.

Qualität

Simfy streamt die Musik nach eigenen Angaben mit einer Bitrate zwischen 192 und 320 kBit/s. Rdio streamt mit 256 kBit/s (ausgenommen 3G-Nutzung).

Mac-App

Simfy

Der erste Eindruck der Simfy-App für Mac ist leider nicht gerade positiv. Die AIR-App startet alles andere als schnell – mein iTunes ist flotter. Irritierend finde ich vor allem, dass ein Musik-Player so langsam startet, dass man den Benutzer mit einem Splash-Screen bei Laune halten muss.

Ist die App gestartet, begrüßt mich der Entdecken-Screen, der mich auf neue Musik in verschiedenen Musikgenres hinweisen soll. Durch die Sidebar links und die relativ großen Elemente im rechten Frame ist die App leider alles andere als kompakt – 1024 Pixel Fensterbreite könnten schon knapp werden. Über die Performance innerhalb der App kann ich nicht klagen, das funktioniert soweit gut.

Was allerdings weniger gut funktioniert ist die Navigation durch meine Musikbibliothek. Zunächst: Ein echtes Äquivalent zur iTunes-Bibliothek gibt es bei Simfy nicht. Entweder markiere ich den Titel als Favorit oder ich füge ihn zu einer meiner Playlists hinzu. Die Favoritenlösung wäre ja nicht schlecht, allerdings trennt Simfy hier strikt zwischen Künstlern, Alben und Einzeltiteln. Trotz der 15 Künstler in meinen Favoriten wird unter „Alben“ kein einziges aufgeführt. Genauso tauchen die Titel dieser Künstler nicht unter „Titel“ auf, sondern lediglich Titel, die ich separat markiert habe. Nun könnte man sagen, dass dieses Verhalten für Favoriten passend ist, aber dann fehlt wiederum die Bibliothek. Während meines Simfy-Abos bin ich deshalb dazu übergegangen, jede Menge Playlists anzulegen – auch nur eine Notlösung.

Eine erst vor kurzem hinzugekommene Funktion ist der Import von einer iTunes-Bibliothek. Dabei würde ich denken, dass die Titel eingelesen und mit der in Simfy verfügbaren Musik abgeglichen werden (so macht es Rdio). Simfy wählt aber einen anderen Weg: Die lokalen Musikdateien werden aus dem Player direkt referenziert, man kann also z. B. Simfy-Musik und lokale Musik in einer Playlist mischen. Kann Sinn machen. Problem: In den mobilen Apps taucht diese lokale Musik nicht auf. Also unterscheidet sich die mobile Bibliothek von der Bibliothek auf dem Mac. Will zumindest ich nicht.

Eine weitere interessante Funktion ist die Offline-Verfügbarkeit von Musik im Desktop-Player (kann Rdio nicht). Hierzu kann angegeben werden, wie viel Speicherplatz verwendet werden darf (maximal 20 GB). Für UMTS- oder Offline-Nutzer ist das sicher ein gutes Argument für Simfy. Einen kleinen Haken hat allerdings auch dieser Punkt, und zwar wiederum beim Interface: Diese Funktion lässt sich (zumindest auf den ersten Blick) nur je Playlist aktivieren. Über das +-Icon sind allerdings auch Alben möglich, für einzelne Titel oder Künstler funktioniert das nur über den Playlist-Umweg.

Zwischenfazit: Interessante Ansätze, aber leider scheitert es häufig am User Interface der App.

Rdio

Die Rdio-App für Mac startet schnell – bei mir ungefähr doppelt so schnell wie iTunes. Das Interface ist angenehm gestaltet und erinnert besonders im Bereich der Player-Elemente stark an iTunes. Der Rest des Fensters wird von einem Browser ausgefüllt. Eine Sidebar für die Playlists gibt es nicht (obwohl mir eine entsprechende Einstellung gefallen würde) und die dargestellten Seiten sind mit knapp über 800 Pixeln angenehm schmal. Zusätzlich gibt es einen Mini-Player à la iTunes. Die allgemeine Performance der App ist noch einen Tick besser als die der Simfy-App, zumindest fühlt es sich so an.

Wie auch bei Simfy gibt es eine Übersicht über Neuerscheinungen und Charts, eine Sortierung nach Genre ist mir allerdings noch nicht über den Weg gelaufen. Außerdem gibt Rdio Empfehlungen auf Basis bereits hinzugefügter Musik – diese Funktion fehlt bei Simfy. Eine Bewertung dieser Empfehlungen traue ich mir allerdings aufgrund der kurzen Testzeit nicht zu.

Das Menü unter meinem Namen beinhaltet meine Musikbibliothek und Playlisten. Außerdem gibt es eine Übersicht über bereits abgegebene Bewertungen (in Textform, keine Sternchen) und weitere Community-Features (siehe weiter unten). Insbesondere die Platzierung der Bibliothek und der Playlists finde ich äußerst unpraktisch. Wieso komme ich mit einem Klick zu den Charts, benötige aber zwei Klicks zu meiner Bibliothek? Hier ist definitiv Optimierungsbedarf. Wie oben schon erwähnt wäre auch eine optionale Sidebar mit allen Playlists begrüßenswert. Andererseits: Die Bibliothek ist so, wie ich sie haben will. Ich kann mir alle Titel anzeigen lassen, außerdem alle Alben und Interpreten. Praktisch ist auch die “später hinzufügen”-Funktion, mit der sich ad-hoc eine Playlist zusammenstellen lässt (vergleichbar mit iTunes DJ, nur dass sie sich nicht von selbst befüllt). Favoriten wie bei Simfy gibt es bei Rdio nicht.

Bei Rdio heißt der iTunes-Import „Sammlung abgleichen“ – und genau das tut er auch: Er gleicht die iTunes-Titel mit den verfügbaren Rdio-Titeln ab und fügt die vorhandenen zu meiner Bibliothek hinzu. So kann man das machen.

Wo bei Simfy Titel als offline verfügbar markiert werden können, können sie bei Rdio mit „einem Mobilgerät“ synchronisiert werden. Beim nächsten Start der mobilen App wird die Musik automatisch heruntergeladen (standardmäßig nur im WLAN). Fast so schick wie der Push bei einem iTunes-Kauf.

Zumindest interessant sind die eingebauten Community-Funktionen. Bei Simfy gibt es ebenfalls eine Musik-Community, allerdings ist diese auf die Website beschränkt. Bei Rdio ist der Ping-Klon (das war das nicht erfolgreiche Social Network in iTunes) direkt in die Apps integriert. Wenn Freunde mit ähnlichem Musikgeschmack ebenfalls bei Rdio sind, ist das bestimmt sinnvoll, ansonsten eher weniger.

Zwischenfazit: Bis auf Kleinigkeiten eine sehr ausgereifte und bedienbare App. So soll das sein.

Beide Apps unterstützen übrigens das Teilen via Facebook/Twitter und last.fm-Scrobbeln. Beide bieten außerdem eine Radio-Funktionalität – Simfy nur für Interpreten, Rdio auf Basis aktueller Charts oder der eigenen Bibliothek.

iPhone-App

Simfy

Auch in der Simfy-App auf dem iPhone werde ich zunächst mit einem Startup-Screen begrüßt – erst mal nichts ungewöhnliches, nur dass die App anscheinend deutlich häufiger komplett neu starten muss als andere Apps. Nach dem Startup-Screen habe ich die Wahl zwischen sechs Optionen: Meinen Downloads (also lokal vorgehaltenen Titeln), Favoriten (wiederum getrennt nach Interpreten, Alben und Einzeltiteln), Playlists, außerdem der Suchfunktion, einem im Vergleich zum Desktop-Client abgespeckten „Entdecken“-Bereich sowie den App-Einstellungen. Alles in allem deckt die App die Funktionen der Desktop-Variante ganz gut ab.

Was mir allerdings im Alltagseinsatz aufgefallen ist: Die App bricht (zumindest in der letzten von mir getesteten Version) nach jedem gestreamten Titel die Wiedergabe ab. Anschließend muss der nächste Titel von Hand gestartet werden (z. B. über die Kopfhörer-Fernbedienung des iPhones). Ich vermute, dass das damit zu tun hat, dass Simfy den Traffic der Nutzer schonen will. Mir persönlich wäre eine kontinuierliche Wiedergabe lieber gewesen. Bei lokalen Titeln tritt dieses Verhalten nicht auf.

Ein weiteres Problem bei der täglichen Nutzung ist die Navigationstruktur der App. Es ist teilweise schwierig, mich zu orientieren, in welchem Bereich ich mich gerade befinde. Die Funktion zur Anzeige der aktuellen Wiedergabeliste (Symbol unten links) macht es da auch nicht einfacher, da sie einen zusätzlichen Layer auf den aktuellen Screen legt. Die Funktion an sich ist sicherlich sinnvoll, allerdings stiftet sie bei mir mehr Verwirrung, als dass sie mir hilft.

Zwischenfazit: Relativ ausgereifte App, leider aber ein verwirrendes Navigationskonzept.

Rdio

Die Rdio-App fürs iPhone wirkt auf mich noch ein Stück ausgereifter. Sie fühlt sich flüssiger an und hat eine durchdachte Navigationsstruktur. Hier hat sich die Inspiration von der originalen Musik-App gelohnt. Außerdem ermöglicht sie den Zugriff auf alle Funktionen der Desktop-Variante – von der Musiksammlung über Playlisten und Hörverlauf bis zu den Social-Features.

Praktisch finde ich vor allem die (bereits oben angesprochene) Sync-Funktion, die im Unterschied zu Simfy auch auf dem Mac angestoßen werden kann. Beim nächsten Start der App werden die gewählten Offline-Titel dann automatisch heruntergeladen.

Zwischenfazit: Gelungene App.

iPad-App

Bei den iPad-Apps trennt sich eindeutig das Spreu vom Weizen. Die Simfy-App ist für mich leider unbenutzbar und trägt daher ihren Beta-Status zurecht. Zunächst dauert der Start der App so lange, dass ich mir vorher überlege, ob ich jetzt wirklich Musik hören muss. Anschließend präsentiert sich die App mit minimalem Funktionsumfang, auch ein Landscape-Modus ist nicht vorhanden. Hier muss deutlich nachgebessert werden.

Rdio präsentiert sich auch hier vorbildlich. Die iPad-App deckt alle Funktionen der iPhone-App ab und bringt mir zudem ein (auf dem iPad nostalgisches) iTunes-ähnliches Interface zurück. Die App gibt zudem sowohl im Hoch- als auch im Querformat ein gutes Bild ab.

Zwischenfazit: Simfy floppt aktuell auf dem iPad.

Website

Beide Websites bedienen sich Flash zum Abspielen der Musik. Während die Simfy-Website allerdings auch ohne Flash einigermaßen bedienbar ist, weist mich die Rdio-Website unumgehbar ab. Schade.

Abseits der Technik beinhalten beide Websites Community-Features und einen Player, der auch ohne App Zugriff auf die komplette Musik zulässt. Praktisch (oder auch beängstigend) ist, dass die Rdio-Website bei laufender nativer App auch über die App abspielt, die Wiedergabe bricht also beim Verlassen der Seite nicht ab. Wie auch bei den Apps ist die Rdio-Website deutlich ansprechender und liebevoller gestaltet. Benutzbar sind jedoch beide.

Preis

Simfy bietet aktuell drei Preisstufen an:

  • Simfy Free bietet kostenlosen Zugang auf den Simfy-Katalog von der Simfy-Website und der Desktop-App. Allerdings wird die Musik nach 20 Stunden im Monat abgedreht – nach zweimonatiger Nutzung bereits nach 5 Stunden. Außerdem gibt es gelegentliche Werbeeinblendungen.
  • Simfy Premium kostet 4,99 € im Monat und bietet dafür Musikhören ohne Werbung und Zeitbeschränkung – wiederum auf der Simfy-Website oder in der Desktop-App.
  • Simfy PremiumPLUS kostet 9,99 € im Monat und bietet zusätzlich den oben beschriebenen Offline-Modus sowie Zugriff durch die mobilen Apps für iOS, Android und BlackBerry.

Die beiden Premium-Angebote lassen sich 30 Tage kostenlos testen. Wird in dieser Zeit nicht gekündigt, fallen die monatlichen Kosten an (opt-out). Diese können entweder per Kreditkarte oder Bankeinzug bezahlt werden – PayPal-Zahlungen waren ebenfalls möglich, scheinen aber momentan deaktiviert zu sein. Kündigen lässt sich monatlich.

Rdio bietet zwei Preisstufen:

  • Das Paket Internet bietet ebenfalls Streaming im Browser und in der Desktop-App. Es kostet 4,99 € im Monat.
  • Im Paket Unbegrenzt für 9,99 € im Monat ist zusätzlich der Zugriff aus mobilen Apps (iOS, Android, Windows Phone 7, BlackBerry sowie Sonos- und Roku-Audiosysteme) möglich.

Rdio lässt sich 7 Tage kostenlos testen, anschließend kann der Account aufgerüstet werden (opt-in). Der Probe-Account entspricht dem Unbegrenzt-Paket, ermöglicht also auch den Zugriff aus mobilen Apps. Bezahlen lässt sich das Abo momentan ausschließlich mit einer Kreditkarte. Die Kündigung ist ebenfalls monatlich möglich.

Fazit

Meinem Rdio-Geschwärme kann man entnehmen, dass ich Rdio klar gegenüber Simfy präferiere. Dass Rdio zahlenmäßig weniger Musiktitel im Programm hat stört mich nicht, da ein Großteil meiner Musik auf beiden Plattformen verfügbar ist. Das ausschlagende Kriterium für mich sind die deutlich ausgereifteren Apps, insbesondere auf dem Desktop und dem iPad. Besonders gefällt mir die Interaktion zwischen den Apps: Auf allen Geräten bin ich auf dem gleichen Stand, habe Zugriff auf alle Daten und kann sogar vom Desktop die Mobilgeräte mit Offline-Musik bestücken.

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