Ohnmacht.

Ich bin sauer, wütend und ohnmächtig.

In den letzten Tagen und Wochen haben wir immer neue Schreckensmeldungen über die Welt der Geheimdienste erfahren. Unsere Kommunikation, unsere Interessen, unser Alltag, alles wird anscheinend überwacht, auf der Suche nach vermeintlichen Terroristen, die uns Schaden zufügen möchten. Alles nur zu unserem Besten.

Vor einigen Wochen wäre man für verrückt erklärt worden, mittlerweile schwindet das Vertrauen auch beim Otto-Normal-Bürger. Wir haben es geahnt, aber jetzt herrscht die Gewissheit: Wir können unserem Staat, unserer Regierung nicht mehr vertrauen. Was für ein Armutszeugnis für die selbsternannte vorbildliche, rechtsstaatliche, demokratische westliche Welt. Wir haben Angst vor den Freiheiten, deren Erkämpfung uns einst so viel Mut und Überzeugungsarbeit gekostet hat und die uns von Diktaturen unterscheiden. Von den Ländern, denen wir nach Bürgerkriegen feierlich die Demokratie überbringen. Jetzt wollen wir Sicherheit, und dafür nehmen wir eines der umfangreichsten Überwachungsprogramme überhaupt in Kauf. Ich verstehe es nicht.

Gleichzeitig ist der überwiegende Teil unserer Bevölkerung weitgehend ahnungslos, was unsere modernen Kommunikationsformen angeht. Fast jeder benutzt das Internet. Selbstverständlich. Täglich. Wir schreiben E-Mails, chatten auf Facebook oder über What’s App, ohne uns Gedanken über eventuelle Folgen zu machen. Und dann immer dieser Satz: „Ich habe doch nichts zu verbergen.“ Warum stecken wir dann unsere Briefe in Briefumschläge? Warum schicken wir Rechnungen nicht per Postkarte? Warum gibt es einen Aufschrei, wenn Häuserfassaden fotografiert werden? Warum befreunden wir unseren Chef oder unsere Eltern nicht auf Facebook?

Jeder hat etwas zu verbergen. Nicht jeder hat eine Leiche im Keller, aber es gibt Dinge, die nicht jeden etwas angehen. Und abgesehen davon: Wer sagt uns, dass unser Kommunikationspartner nichts zu verbergen hat? Vielleicht erfahre ich in einem Facebook-Chat zufällig den zweiten Vornamen? Oder einen Spitznamen aus der Kindheit? Oder den Namen des Haustiers? Vielleicht sind das genau die Sicherheitsfragen, die die Person bei Apple hinterlegt hat? Oder vielleicht bei PayPal? Und plötzlich fehlen 500 €. Komisch. Oder vielleicht findet man sich wegen eines Witzes in einer Gefängniszelle in den USA wieder, obwohl man eigentlich lieber in einem Hotelbett übernachten würde?

Es wird Zeit, dass ein grundlegendes und fundiertes IT-Grundwissen in unseren Schulen vermittelt wird. Nur so sind wir längerfristig in der Lage, die Technik zu kontrollieren, anstatt uns von ihr kontrollieren zu lassen. Nur so sind wir in der Lage, teilweise Verschlüsselung von kompletter Verschlüsselung zu unterscheiden. Und nur so begreifen wir die Absurdität, wenn ein kompletter Provider vom Netz geht, nur weil der Geheimdienst an einem seiner Nutzer ein besonderes Interesse hat.

Leider kann uns unser Wahlrecht dieses Jahr nicht dabei helfen, dieses Problem in naher Zukunft anzugehen. Und leider habe ich im Moment auch kein Patentrezept, was denn nun zu tun ist. Außer vielleicht, über den eigenen Schatten zu springen, sich mit dem Thema zu beschäftigen und mit anderen darüber zu reden. Klingt hilflos, ist aber so.

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